Theoretische Grundlagen für eine erfolgreiche praktische Nutzung der Momentumstrategie.
„Antizyklisch orientiertes Anlegen ist zu vergleichen mit dem Verhalten von Lachsen, die gegen den Strom schwimmen, um an ihre Laichplätze zu gelangen. Nur etwa zehn Prozent überleben diesen Kampf - der Rest stirbt auf diesem Weg.“
Linda Bradford Raschke, US Top-Traderin
 Das Wesen einer Momentumstrategie 
 Relative Stärke 
 Die Strategie 
 Setzen Sie auf Sieger! 
 RSL ist nicht gleich RSI 
 Fazit 


Das Wesen einer Momentumstrategie 
Das Verfahren der Relativen Stärke ist eine Momentumstrategie. Die Begriffe „Relative Stärke-Strategie“ und „Momentumstrategie“ werden deshalb auch synonym verwendet. Der Begriff „Momentum“ ist ein physikalischer Begriff und bezeichnet das Produkt aus Masse und Geschwindigkeit. In der Technischen Analyse wird er verwendet, um eine Aussage über die Impuls- oder Schwungkraft einer Aktie bzw. eines Marktes zu machen. Börsianer sprechen deshalb auch häufig von einem starken oder schwachen Momentum, das eine Aktie hat. Bei einer derartigen Strategie wird also die Schwungkraft einer Aktie oder eines Index gemessen. Dieses Momentum wird dabei allgemein als Verhältnis des aktuellen Kurses zum Kurs vor x Tagen definiert. Das kann der Kurs von letzter Woche, von letztem Monat oder vom Jahresende sein. Auch der Vergleich des aktuellen Kurses mit einem Durchschnitt von Kursen in der Vergangenheit ist denkbar.
Der Grundgedanke des Momentums lässt sich anhand eines einfachen Beispiels darstellen: Wirft man einen Ball in die Luft, so weist er am Anfang eine sehr starke Aufwärtsgeschwindigkeit auf, d. h. er besitzt ein starkes Momentum. Während der Aufwärtsbewegung steigt der Ball dann immer langsamer, bis er schließlich durch den Einfluss der Schwerkraft wieder nach
unten fällt. Ähnlich wie in diesem Beispiel wird bei einem Momentum als Mittel der Technischen Analyse die Kraft oder die Stärke einer Kursbewegung gemessen.Die Strategie der Relativen Stärke ist trendfolgend. Gekauft wird in einen bereits etablierten Trend in der Erwartung, dass sich die Kurse auch zukünftig in die einmal eingeschlagene Richtung weiterentwickeln. Der finanztheoretische Hintergrund der Relativen Stärke-Strategie ist die Annahme, dass die Aktien, die in der Vergangenheit eine überdurchschnittliche Kursentwicklung erzielt haben, auch in Zukunft eine bessere Performance als der Gesamtmarkt aufweisen werden, weil die den Kurs positiv beeinflussenden Faktoren auch weiterhin vorhanden sind (Trendkontinuität).

Die Erklärung für die Entstehung von Trends an den Börsen, die das Fundament für den Erfolg der Relative Stärke-Strategie bilden, liegt ursächlich in der längerfristigen Verschiebung des Angebots- und Nachfrageverhaltens der Marktteilnehmer. Ohne dieses Phänomen der Trendkontinuität wäre es absurd, in einen Markt zu investieren, der schon gestiegen ist, um ihn erst in der Erwartung eines noch weiteren Anstiegs wieder mit Gewinn zu verlassen.


Relative Stärke 
Eine sehr bewährte Methode zur Selektion von Aktien und Märkten ist jedoch das Verfahren der "Relativen Stärke", das von dem Amerikaner Dr. Robert Levy schon Ende der 60er Jahre entwickelt und in seiner Studie "The Relative Strength Concept of Common Stock Price Forecasting" veröffentlicht wurde. Da die meisten Haushalte heute über einen Computer und entsprechende Tabellenkalkulationsprogramme verfügen, hat dieses Verfahren den Vorteil, dass es auch von dem Privatanleger mit einem relativ geringen Zeitaufwand durchgeführt werden kann. Wie jede Börsenstrategie spiegelt auch diese Methode nicht die persönliche Meinung eines sich möglicherweise irrenden Analysten wider. Stattdessen basiert sie einzig und allein auf dem denkbar neutralsten, das wir uns vorstellen können: dem Kurs bzw. der Kursbewegung selbst!
Die Grundlage für den Erfolg der "Relativen Stärke" bildet das Phänomen der Trendkontinuität. Levy untersuchte in seiner Studie 200 Aktien der New Yorker Börse über einen Zeitraum von fünf Jahren. Dabei fiel ihm auf, dass es immer wieder Aktien gab, die sich über eine längere Periode besser entwickelten als andere. Diese Phase des "Sich-Besser-Entwickelns"
(Outperformance) dauerte häufig mehrere Monate. Die Beobachtung, dass Aktien, die im Vergleich zu anderen Einzeltiteln oder dem Gesamtmarkt einen stärkeren Kursanstieg verzeichnet haben, auch in Zukunft überdurchschnittlich steigen, führte dazu, dass Levy nach einem Maß für die Trendstärke dieser Aktien suchte. Als Maß entschied er sich für einen einfachen Faktor: Die RSL-Kennzahl. Sie ist eine Verhältniszahl (Ratio), die einen Wert um 1.0 aufweist. Zur Berechnung dieser Kennzahl setzte Levy den aktuellen Wochenschlusskurs der Aktie ins Verhältnis zum Durchschnitt der Wochenschlusskurse unterschiedlich langer Perioden. Er fand heraus, dass ein Vergleich der Kurse mit einem Zeitraum der zurückliegenden sechs Monate besonders gute Ergebnisse erzielte. Levy berechnete nun in seiner empirischen Untersuchung für alle von ihm beobachteten Aktien deren Relative Stärke. Jede Aktie erhielt so einen Relative-Stärke-Koeffizienten, der jedoch allein betrachtet wenig aussagekräftig war. Deshalb erstellte Levy eine Rangliste mit den untersuchten Werten, die nach dieser Kennzahl sortiert wurde. Je höher die Kennzahl, desto höher das Ranking innerhalb der Liste und umgekehrt.


Die Strategie 
Die Anlagestrategie Levys beruht nun darauf, dass mit einem bestimmten Anfangskapital die ersten 5-7% der Aktien einer Rangliste zu gleichen Teilen gekauft werden. Bei einer Rangliste der 30 DAX-Werte hieße das z. B., dass jeweils die ersten beiden Titel gekauft werden. Nach dem Kauf dieser Aktien wird jede Woche deren aktuelle Platzierung in einer neu erstellten Relative-Stärke-Rangliste überprüft. Sobald eine der gekauften Aktien eine bestimmte Platzierung innerhalb der Rangliste unterschreitet (sog. "Cast-Out-Rank"), wird sie sofort verkauft. Dieser "Cast-Out-Rank" setzt sich gem. Levy aus den 31% schwächsten Aktien zusammen. In einer entsprechenden DAX-Rangliste
sind dies demnach die zehn Aktien mit dem geringsten RSL-Koeffizienten. Die freiwerdenden Geldmittel aus dem Verkauf der Aktien werden dann wiederum gleichmäßig in die beiden zu dem Zeitpunkt stärksten Aktien investiert. Auch diese Titel werden dann wiederum solange gehalten, bis sie einen Cast-Out-Rank belegen, usw. Ein Beispiel für den Aufbau einer solchen Relative Stärke-Rangliste ist die von mir erstellte Tabelle (s. "Eigene Indikatoren"). Allgemein gilt, dass Aktien mit einer Ratio größer als 1.0 heute eine größere Kursstärke zeigen als in den letzten sechs Monaten. Umgekehrt tendieren Titel mit einem Faktor kleiner 1.0 heute schwächer als in der Vergangenheit.


Setzen Sie auf Sieger! 
Anleger, die gerne Aktien kaufen oder in Märkte investieren, die in jüngster Vergangenheit starke Kursverluste verzeichnen haben (Prinzip: "Kaufen wenn die Kanonen donnern!"), werden sich mit der hier vorgestellten Vorgehensweise schwer tun. Häufig notieren nämlich genau die Titel oder Märkte, die eine besonders hohe "Relative Stärke" aufweisen, auf historisch hohen Niveaus. Und wer kauft schon gerne zu hohen Kursen oder gar zu Höchstkursen? Dieses eher psychologische Problem hält viele Anleger davon ab, der RSL-Strategie zu folgen. Diejenigen, die immer wieder versuchen, zu vermeintlichen
"Tiefstkursen" einzusteigen, sollten sich aber einmal die Frage stellen, wie erfolgreich sie bisher mit ihrer Methode gewesen sind.
Der Erfolg ist empirisch belegt!
Die Nachhaltigkeit der hier vorgestellten Methode ist empirisch mehrfach belegt. Erst kürzlich wurde das Prinzip der "Relativen Stärke" durch eine Studie der Universität Mannheim bestätigt. Die Studie mit dem bezeichnenden Titel "Reichtum durch Momentum und Zyklen" ist beim Lehrstuhl für angewandte BWL (Fachgruppe "Behavioral Finance") gegen Gebühr zu beziehen.

RSL ist nicht gleich RSI 
Die "Relative Stärke" nach Levy (RSL) ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem "Relative-Stärke-Index" (RSI) von Welles Wilder, der heute in jeder handelsüblichen Börsensoftware als Indikator wieder zu finden ist.
Im Gegensatz zur Levy-Strategie, die die "innere Stärke" einer Aktie ermittelt, stellt der "RSI" einen Oszillator dar, der den "Überkauft"/-"Überverkauft"-Zustand eines Marktes oder Einzelwertes misst.

Fazit 
Die Strategie der "Relativen Stärke" ist für einen Anleger mit einem Anlagehorizont von mehreren Wochen oder Monaten geeignet. Er sollte eine Investition in trendstarke, sich gut entwickelnde Titel einem "Fischen im Trüben" vorziehen und seine Entscheidungen gerne in Anlehnung an ein neutrales Verfahren durchführen.
Der Zeitaufwand dafür ist vertretbar: Levy empfahl eine wöchentliche Berechnung. Die wenigen Daten, die benötigt werden, sind für jeden Interessenten heute einfach via Börsendienst, Tages- oder Wirtschaftszeitung, Videotext, Internet oder dem Laufband der "Tele-Börse" kostenlos zu beziehen.